Lernen in Coronazeiten

Seit gut zwei Jahren ist uns klar, dass wir auch in unserer Bildunsgarbeit digitaler werden müssen. Wir experimentieren mit kleinen Umfragetools, wir betreiben neben unserer Website mit Onlineanmedemöglichkeit eine Facebookseite und nutzen sie auch für ein wenig digitales Marketing. Über einen Newsletter werden Veranstaltungen öffentlich bekannt gemacht. Eine Arbeitsgruppe arbeitet an einem Konzept und das Erasmus + Projekt bildung+digital?! eröffnet neue Denkmuster. So weit so gut. Veränderung im angemessenen Schritt. Kreativität und Erneuerung werden aber immer wieder durch Probleme ausgebremst: Digitalisierung erfordert neues Lerne von Kolleg*innen und Teilnehmer*innen, die alle keine digitalen Natives sind. Datenschutzfragen, ethische und didaktische Bedenken verunsichern, Kosten stehen im Raum. Immer wieder stellte sich die Grundsatzfrage: Was wollen wir für wen womit digital umsetzen und wer kann das in seiner Arbeitszeit noch schaffen?

Und dann kommt Corona.
Alle analogen Bildungsangebote, alle Konferenzen, alle Treffen und Arbeitsgruppen abgesagt. 14 Tage Schockstarre und Angebote absagen. Jede*r schaut sich im Netz um, sucht Tutorials und digitale Fortbildungen. Dann die ersten Anfragen. Lass uns mal eine Videokonferenz probieren. Siehe da, es klappt und macht Spaß, wenigstens die Kolleg*innen mal wieder zu sehen. Wenn auch auf Abstand, Wenn auch mit wackeligen Bildern. Nicht immer ist die WLan Qualität im Homeoffice gut genug. Headsets fehlen, nicht jedes Tool ist auch mit 15 Menschen gut brauchbar. Die Erfahrungen und die Pause im analogen Arbeitsalltag wecken Kreativität. Welche unserer Angebote lassen sich eigentlich ins Digitale übersetzen? Welche unserer Teilnehmer*innen bleiben dabei? Mit welchen Partnern finden wir Teilnehmende für neue Digitalformate? Welche Inhalte gehen wirklich nur analog, welche genausso gut oder besser digital? In kurzer Zeit gehen viele unserer Mitarbeiter*innen weitere Schritte und erproben Neues, z.B. auch die Zusammenarbeit an Kollaborativen Texttools. Die Lernkurve wächst exponetiell.

Erste Erfahrungen werden sichtbar:
digitales Lernen ist oft sehr zentriert auf den Lehrenden und auf klassische Wissensvermittlung (z.B. Online Vorträge, Podien, oder Lernvideos)
mehr als 90 Minuten am Stück geht gar nicht
die Anreisezeiten fallen aus (super!)
digitale Diskussionen folgen zwangsläufig einer strengen Etikette: Nur eine*r darf sein Mikro anhaben und reden. Das zwingt zur Konzentration. Hat was, ist aber auch sehr anstrengend.
Chat neben dem Videogespräch ist schwierig
Manche Menschen lassen sich nicht ein, selbst wenn sie ein Smartphone haben und verschiedene Apps privat nutzen. (Das kann ich nicht)

Bald dürfen wir unter strengen Hygieneregeln wieder analoge Veranstaltungen durchführen.
Was wird vom Digitalen bleiben? Was wird sich in der allgemeinen und der politischen Bildung durchsetzen, was nicht?

Machen andere andere Erfahurngen?

ortrud.harhues
Mitglied seit 04. 05. 2020
7 Beiträge

Was wird bleiben ... das ist die für mich im Moment spannende Frage. Im Feld nehme ich ganz unterschiedliche Impulse wahr: von "Klasse, das ist echt eine Chance, mal neue Sachen auszuprobieren" bis hin zu "Hoffentlich ist das bald vorbei, dann kann es wieder losgehen [wie vorher]". Ich habe heute gelesen, dass in Basel demnächst die Schulen wieder ihren Betrieb aufnehmen ... im Modus des Status quo ante! https://www.bazonline.ch/lehrer-wuerden-halbklassen-bevorzugen-885898677645

marcus.flachmeyer
Mitglied seit 04. 05. 2020
20 Beiträge

Lernen in CoronaZeiten ... das wirft ja auch die Frage auf: wofür? Einen sehr netten Debattenbeitrag habe ich heute von Ulrich Walwei , Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, gelesen: "Die Welt nach der Corona-Krise – solidarischer, digitaler, nachhaltiger?" https://www.iab-forum.de/die-welt-nach-der-corona-krise-solidarischer-digitaler-nachhaltiger/. "Die richten Lehren ziehen" - das hat doch direkt was mit Bildung zu tun!

marcus.flachmeyer
Mitglied seit 04. 05. 2020
20 Beiträge

Heute kam der neue EPALE-Newsletter, ganz unter dem Vorzeichen von Corona. Als Reaktion auf den COVID-19-Notfall im Bereich der öffentlichen Gesundheit hat EPALE eine umfassende Strategie zusammengestellt, um der Gemeinschaft zu helfen, einschließlich der folgenden Initiativen: Interviews mit Experten für Erwachsenenbildung, Ressourcen-Kits mit Schwerpunkt auf Möglichkeiten der Erwachsenenbildung und eine Online-Diskussion am 27. Mai über die Reaktionen von Lehrenden auf die Notwendigkeit von Fernunterricht.
Schaut doch mal da rein: https://epale.ec.europa.eu/de/newsletters/die-epale-community-stories-initiative

marcus.flachmeyer
Mitglied seit 04. 05. 2020
20 Beiträge

EPALE unterstützt Dozent*innen und Einrichtungen in der Erwachsenenbildung bei der Umstellung auf Fernunterricht mit einer neuen Reihe von Resource Kits. Diese Kits enthalten kurze Beschreibungen und Links zu den Ressourcen, die auf EPALE zu finden sind.
In der ersten Ausgabe geht es um Ressourcen für den Einstieg. Das Resource Kit#1 enthält Artikel, Handbücher, bewährte Verfahrensweisen und konkrete Tools, die beim Umstieg vom Präsenzlernen zum E-Learning helfen sollen.
Ressource Kit #1: Distance Learning
https://epale.ec.europa.eu/sites/default/files/de_resource_kit_-_distance_learning_0.pdf
Die nun gerade erschienene zweite Ausgabe enthält Resourcen für Skills Development von u.a. von Dozent*innen in der Erwachsenenbildung, und zwar von Soft Skills zu Technologien, von Lehr-/Lerntools bis zu MOOCs und Kursen.
Resource Kit #2: Skills Development

marcus.flachmeyer
Mitglied seit 04. 05. 2020
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Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) und weitere Organisationen beteiligen sich mit einer Onlineveranstaltung am Digitaltag 2020. Die Veranstaltung mit dem Titel "Herausforderungen --> Lösungen --> Erfahrungen: Erwachsenen- und Weiterbildung aus der Krise begleiten". Die Veranstaltung beginnt am 19. Juni 2020 um 13:00 Uhr. Weitere Informationen zur Veranstaltung unter https://www.wb-web.de/aktuelles/digitaltag2020.html
und zum Digitaltag unter https://digitaltag.eu/

marcus.flachmeyer
Mitglied seit 04. 05. 2020
20 Beiträge

[quote=26]Was wird bleiben ... das ist die für mich im Moment spannende Frage.

Ja, was wird bleiben? In unserem Bildungswerk sicher die Praxis gemeinsame Erarbeitungen in Videokonferenzen umzusetezen. Schnell, konzentriert und ohne Fahrtzeiten. Such die Zusammenarbeit in Tools wie cryptpad.fr wird wohl bleiben.

Wie viele Online Seminare, Vorträge und Workshops noch kommen und bleiben werden, liegt auch in der Hand der Teilnehmenden. Was werden sie tatsächlich dauerhaft nachfragen. Wir sidn egspannt.

ortrud.harhues
Mitglied seit 04. 05. 2020
7 Beiträge

Lernen und Lehren mit Videokonferenz-Tools besteht in der gegenwärtigen Praxis häufig zu einem großen Teil aus klassischem Frontalunterricht. Die Möglichkeit, Dokumente zu teilen, lädt geradezu dazu ein, Powerpoint-Präsentationen abzuspulen. Auch wenn viele Tools die Möglichkeit bieten, Gruppen einzurichten, die Arbeitsaufträge bearbeiten und sodann vorstellen, ist es doch sehr verlockend, Faktenvermittlung in den Vordergrund zu stellen. Online ist die Aufmerksamkeitsspanne eher kurz, und so mag sich mancher Lehrende denken: "Ich muß meinen Stoff durchkriegen, da muß ich es schnell machen...".
Auf diese Weise betrieben, ist Online-Unterricht eher ein Rückschritt. Gerade schwächere Lernende werden so nicht "mitgenommen". Es ist für die Lernenden allzu leicht, "abzutauchen" und den Unterricht an sich vorbeiziehen zu lassen. Der Lehrende hat - jedenfalls bei größeren Lerngruppen - kaum eine Möglichkeit, diese stillen Teilnehmer zu entdecken und zu fördern.
Dazu kommen technische Probleme. Das beginnt mit dem instabilen Internetzugang und hört mit der unzureichenden Ausstattung mit Endgeräten auf. Wer einer Online-Veranstaltung nur auf dem Handy folgen kann, ist gegenüber einem Kollegen, der einen großen Bildschirm auf dem Schreibtisch stehen hat, deutlich im Nachteil. Die Lehrenden sind i.d.R. technisch gut ausgestattet; wenn sie dies auch für die Lernenden unterstellten, laufen sie Gefahr, einige Teilnehmer aus ganz banalen technischen Gründen nicht mehr zu erreichen.
Online-Unterricht ist also nicht möglich als Fortsetzung des klassischen Präsenz-Unterrichtes mit anderen Mitteln. Bei Lehrenden und Lernenden muß sich die Erkenntnis durchsetzen, daß Online-Unterricht anders funktioniert als Präsenz-Unterricht und daher auch andere Lehr- und Lernmethoden erfordert.
Die Rolle des Lehrenden muß sich vom Wissensvermittler zum Kompetenzvermittler wandeln. Nicht mehr "Das müßt ihr wissen!" sondern mehr "So lernt ihr das!". Die Rolle des Lernenden muß sich damit auch wandeln: weg vom Beschulungs-Konsumenten und hin zum eigenverantwortlichen Gestalter des eigenen Lernweges. Dieser Wandel fordert mehr als ein Überdenken der Didaktik; er fordert ein neues Selbstbild und Rollenverständnis auf beiden Seiten.
Das sind keine geringen Anforderungen. Der Wandel kann nicht auf die Schnelle geschehen. Aber er muß kommen. Dafür braucht es langfristige Konzepte, aber kein "zurück in die Schule" um jeden Preis. Die Corona-Zeit hat bewiesen, daß es anders geht als mit klassischem Präsenz-Unterricht. Damit Lernen auf Distanz eine Zukunft jenseits von Corona hat, muß man darüber nachdenken, wie man den dafür nötigen Wandel gestalten will. Das ist eine Aufgabe, die uns alle noch lange beschäftigen wird.

achim.diekmann
Mitglied seit 04. 05. 2020
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Die Herausforderung bleibt ... und nimmt angesichts des nahenden Winters wohl eher zu! Eine schöne Möglichkeit zum Austausch bietet nicht nur unser Projekt "Bildung+digital?!", sondern auch die in Kürze stattfindende EPALE Community Conference.
Die Konferenz findet als öffentliches live streaming Event statt und Sie können sich alle Keynote Speeches and Diskussionspanel am 6.,7. und 8. Oktober 2020 ohne vorherige Registrierung anschauen. Die nationalen Panele hingegen am 6. und 7. Oktober sowie die Workshops am 7. und 8. Oktober sind EPALE Nutzern vorbehalten und nur nach Registrierung zugänglich, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist.
https://epale.ec.europa.eu/en/blog/epale-community-conference

marcus.flachmeyer
Mitglied seit 04. 05. 2020
20 Beiträge

Zitiert von: ortrud.harhues

Was wird vom Digitalen bleiben? Was wird sich in der allgemeinen und der politischen Bildung durchsetzen, was nicht?

Ich denke, dass es bleiben wird. Ob und wie es Teil es in die Professionalität von Erwachsenenbildner*innen langfristig integriert wird, diese Frage ist nicht Gegenstand unseres Erasmus+ Projekts "Bildung+digital?!". Wer mag, kann sich in das 22. DIE-Forum Weiterbildung 2020 & dialog digitalisierung#04 einklinken, das in diesem Jahr unter dem Thema "Digitale Erwachsenenbildung - Qualität und Professionalität" stattfindet, als reine Online-Veranstaltung am 1. Dezember 2020 von 10 bis 16 Uhr.

Weitere Informationen und Anmeldung hier:
https://www.die-bonn.de/institut/die-forum/2020/default.aspx

marcus.flachmeyer
Mitglied seit 04. 05. 2020
20 Beiträge